Als mein Mann zu einer angeblichen Geschäftsreise aufbrach, erwartete ich nichts weiter als seine üblichen Nachrichten vom Flughafen und einen kurzen Anruf am Abend. Stattdessen klingelte am Mittag ein Kurier und überreichte mir einen riesigen Strauß mit genau einhundert leuchtend gelben Rosen. Weder eine Karte noch ein Absender waren dabei. Zunächst hielt ich die Lieferung für eine romantische Überraschung von Daniel. Doch schon nach wenigen Minuten fühlte sich etwas seltsam an. Er wusste genau, dass ich weiße Rosen liebte und niemals gelbe ausgesucht hätte. Außerdem passte eine derart übertriebene Geste überhaupt nicht zu ihm. Als ich die Blumen genauer betrachtete, bemerkte ich, dass einige Rosen in der Mitte anders angeordnet waren. Unter drei Blütenblättern entdeckte ich winzige rote Markierungen, die absichtlich verborgen worden waren. Sofort erinnerte ich mich an eine Bemerkung meines verstorbenen Vaters, der viele Jahre als Mordermittler gearbeitet hatte. Plötzlich verwandelte sich das vermeintliche Geschenk in etwas, das mir echte Angst machte.
Anstatt weiter auf Daniels Rückruf zu warten, verständigte ich die Polizei. Die ersten Beamten vermuteten einen harmlosen Irrtum der Gärtnerei, doch dann erschien Detective Kellan. Kaum hatte er die drei markierten Rosen gesehen, wurde er blass. Vor zweiundzwanzig Jahren hatten drei Frauen kurz vor ihrem spurlosen Verschwinden exakt dieselbe Lieferung erhalten: einhundert gelbe Rosen mit drei versteckten roten Zeichen. Mein Vater hatte damals an diesem Fall gearbeitet und war überzeugt gewesen, dass der Täter keine Fingerabdrücke hinterließ, sondern Botschaften. Während die Ermittler mein Haus durchsuchten, kam eine weitere erschütternde Wahrheit ans Licht. Daniel war nie auf Geschäftsreise gewesen. Das Hotel existierte nur auf dem Papier, den Flug hatte er nie angetreten, und niemand aus seiner Firma hatte ihn seit Tagen gesehen. In seinem Arbeitszimmer fanden die Beamten alte Zeitungsartikel über die ungelösten Vermisstenfälle sowie handschriftliche Notizen. Innerhalb weniger Stunden wurde aus meinem liebevollen Ehemann der wichtigste Verdächtige einer jahrzehntealten Mordserie. Zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich den Mann, mit dem ich achtzehn Jahre meines Lebens verbracht hatte, überhaupt wirklich kannte.
Doch die Ermittlungen nahmen eine völlig unerwartete Wendung. Die kriminaltechnische Untersuchung führte nicht zu Daniel, sondern zu einem pensionierten Ermittler, der damals gemeinsam mit meinem Vater an den verschwundenen Frauen gearbeitet hatte. Mein Vater hatte ihn bereits vor Jahren verdächtigt, konnte seine Vermutung jedoch nie beweisen. Daniel war zufällig auf die alten Unterlagen gestoßen und hatte begonnen, die Hinweise heimlich weiterzuverfolgen. Der Täter bemerkte seine Nachforschungen und schickte den Rosenstrauß als Falle, um Daniel aus der Reserve zu locken. Nach einer groß angelegten Polizeiaktion wurde mein Mann lebend gefunden, und entscheidende Beweise verbanden den ehemaligen Detective schließlich mit den jahrzehntealten Verbrechen. Mehrere Familien erhielten endlich Antworten, auf die sie fast ihr ganzes Leben gewartet hatten. Ich selbst konnte gelbe Rosen danach nie wieder ansehen. Heute weiß ich, dass dieser Strauß weder ein Liebesbeweis noch eine Drohung gegen mich war. Er war das letzte Puzzleteil in einem Fall, den mein Vater nie aufgeben konnte – und der schließlich doch noch die Wahrheit ans Licht brachte.
